Hinschauen und aktiv werden
Wohnungslose Menschen gehören in Mainz zum Stadtbild. Dennoch werden sie im Alltag häufig übersehen oder mit Vorurteilen betrachtet. Der bundesweite Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September 2026 will den Blick deshalb bewusst auf diejenigen richten, die am Rand der Gesellschaft stehen. Unter dem Motto "Hinschauen. Aktiv werden. - Gemeinsam gegen Wohnungsnot" setzt der Aktionstag 2026 ein Zeichen für mehr Aufmerksamkeit, Respekt und gesellschaftliche Verantwortung.
Was es bedeuten kann, hinzuschauen und einem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, zeigt das Beispiel von Marion Alberti. Die gelernte Friseurin schneidet seit inzwischen 14 Jahren ehrenamtlich die Haare von Bewohnern des Thaddäusheims des Caritasverbands Mainz. Alle zwei Wochen verwandelt sie einen Raum der Einrichtung für wohnungslose Männer in einen kleinen Friseursalon. Freitags zwischen 9 und 12 Uhr schneidet sie sechs bis sieben Männern die Haare. Die Termine werden vorab vergeben - die Nachfrage ist groß, die Liste regelmäßig ausgebucht.
Der Wunsch, etwas Gutes zu tun

Dass ausgerechnet ein Friseurstuhl zum Ort der Begegnung im Thaddäusheim wurde, war die Idee von Marion Alberti: "Ich habe überlegt, wie ich meinen Beruf nutzen kann, um wohnungslosen Menschen etwas Gutes zu tun, denn viele von ihnen können sich einen Friseurbesuch nicht leisten. Deshalb habe ich überlegt, wo und wie ich ihnen trotz dem die Haare schneiden könnte."
Ihre Überlegung führte sie schließlich ins Thaddäusheim. Von Anfang an wurde das Angebot gut angenommen. Für einen Haarschnitt zahlen die Männer einen symbolischen Euro. "Das ist den Kunden wichtig", berichtet Alberti. Und wie in jedem Friseursalon bleibt es nicht nur beim Haareschneiden. Während der Termine entstehen Gespräche über den Alltag, persönliche Erfahrungen und Erlebnisse. "Ich kenne inzwischen viele Lebensgeschichten." Für Marion Alberti ist es wichtig, dass ihr Kunden, auch wenn sie nicht viel Geld haben, sich wohlfühlen und gut bedient werden. Gleichzeitig bekomme sie selbst viel zurück: "Ich gehe jedes Mal gut gelaunt nach Hause. Ich habe mein Engagement hier wirklich noch nie bereut."
Hinter jeder Zahl steht ein Mensch
Für Thomas Stadtfeld, Leiter der Wohnungslosenhilfe im Caritasverband Mainz, ist genau diese Begegnung auf Augenhöhe ein wichtiger Aspekt des Tags der wohnungslosen Menschen. "Wohnungslose Menschen leben mitten unter uns. Hinter jedem Menschen steht eine eigene Geschichte - und diese Geschichten sind oft viel komplexer, als es auf den ersten Blick scheint", sagt Stadtfeld.
Die aktuellen Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe verdeutlichen die Dimension des Problems: Mindestens 1.029.000 Menschen waren 2024 in Deutschland wohnungslos - Tendenz steigend. Doch hinter dieser großen Zahl stehen Menschen mit individuellen Lebensgeschichten, Erfahrungen und Schicksalen. "Wir sollten den Menschen, den wir vielleicht am Straßenrand sehen, nicht vorschnell beurteilen", betont Stadtfeld. "Es geht darum, hinzuschauen, zuzuhören und Menschen mit Respekt und Empathie zu begegnen. Wohnungslosigkeit kann viele Ursachen haben. Niemand sollte auf seine aktuelle Lebenssituation reduziert werden."
Das Thaddäusheim in der Mainzer Oberstadt bietet wohnungslosen Männern in akuten Notsituationen Schutz und Perspektiven. Rund 80 Männer leben derzeit in der Einrichtung. Neben Unterkunft und Vollverpflegung erhalten sie fachliche Beratung und Unterstützung durch Sozialarbeiter.
Hinschauen statt wegsehen
Die Start-Hilfe des Caritasverbands Mainz organisiert und gestaltet einen Informations stand zum Tag der wohnungslosen Menschen am Freitag, 11. September 2026, von 13 bis 17 Uhr vor dem Mainzer Staatstheater. Dort können sich Interessierte über Wohnungslosigkeit, Hilfsangebote und die Situation betroffener Menschen informieren und miteinander ins Gespräch kommen.
"Der Tag der wohnungslosen Menschen ist eine Einladung, den Blick nicht abzuwenden", sagt Thomas Stadtfeld. "Lasst uns hinschauen, zuhören und akzeptieren - frei von Vor urteilen und auf Augenhöhe. Eine Gesellschaft zeigt sich auch daran, wie sie mit Menschen umgeht, die gerade nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen." Der Haarschnitt von Marion Alberti ist dafür ein kleines, aber eindrückliches Beispiel. Er sorgt für gepflegte Haare - und schafft gleichzeitig einen Raum, in dem Menschen gesehen werden, miteinander sprechen und für einen Moment ganz selbstverständlich Kunde und Friseurin sind. "Hinschauen" kann manchmal genauso beginnen: mit einer Begegnung auf Augenhöhe.