"Ich fühle mich hier gebraucht"

Wenn Emir Iseini morgens in der Tagespflege "VergissMeinNicht" in Bodenheim ankommt, gibt es einiges zu tun. Die Gäste werden begrüßt, Jacken ausgezogen, der Stuhlkreis vorbereitet und das Frühstück gerichtet. Emir schenkt Kaffee aus, hilft, wo er gebraucht wird, und sorgt vor allem für gute Laune. "Ich liebe es hier", sagt der 15-Jährige. Dass er einmal so viel Freude an der Arbeit mit älteren Menschen haben würde, hätte er selbst nicht unbedingt erwartet.
Dabei war es seine Mutter, die im Frühjahr 2026 auf die Ausschreibung für einen Praktikumsplatz in der Tagespflege aufmerksam wurde. Emir beschloss, es einfach auszuprobieren. Im März startete er sein Schülerpraktikum - ohne Vorerfahrung im Umgang mit älteren Menschen. Doch schon nach kurzer Zeit war klar: Hier fühlt er sich wohl. Aus dem Praktikum wurde ein längerer Einsatz, seit dem 1. September 2026 ist Emir für ein Jahr im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes in der Einrichtung tätig.
Eine Chance, die etwas in Bewegung bringt

Für Emir kam diese Möglichkeit zur richtigen Zeit. In der Schule hatte es wiederholt Schwierigkeiten gegeben. Obwohl er seinen Hauptschulabschluss geschafft hat, brauchte er zunächst Abstand vom Schulalltag und Zeit, um herauszufinden, wie es für ihn weitergehen soll. In der Tagespflege hat er eine Aufgabe gefunden, die ihm liegt - und Menschen, die ihm etwas zutrauen. Emilia Adamska, Leiterin der Tagespflege VergissMeinNicht, erkannte sein Potenzial schon während des Praktikums. "Emir hat eine soziale Ader", sagt sie. Er habe von Anfang an mit angepackt und sich auf die Gäste eingelassen. Deshalb setzte sie sich dafür ein, dass er seinen Bundesfreiwilligendienst in der Einrichtung absolvieren kann. "Ich bin froh, ihn hier zu haben. Die Leute mögen ihn sehr."
Dass ihm diese Chance viel bedeutet, merkt man Emir an. Die älteren Menschen sind ihm ans Herz gewachsen. Er kennt ihre Gewohnheiten und Stimmungen, nimmt sich Zeit für Gespräche und scherzt auch mal mit ihnen. "Mir macht es so viel Freude, mit den Menschen hier zusammen zu sein, zu reden und auch Späße zu machen", erzählt er.
Geduld, Respekt und Empathie
Die Arbeit mit den Tagesgästen ist nicht immer einfach. Manchmal braucht es Geduld, wenn eine Frage mehrfach gestellt werden muss oder eine Reaktion auf sich warten lässt. Doch gerade daran ist Emir gewachsen. "Meine Geduld ist hier ganz groß geworden", sagt er. Er habe gelernt, respektvoll mit den Menschen zu sprechen und sich auf ihre Bedürfnisse einzustellen. "Man lernt hier Empathie", findet Emir. Inzwischen könne er gut einschätzen, wie es den einzelnen Gästen gehe. "Ich weiß sofort, wie die Befindlichkeit der einzelnen Gäste ist, man fühlt hier viel."
Auch die Anerkennung, die er von den Tagesgästen bekommt, bestärkt ihn. In seinem privaten Umfeld reagieren manche überrascht: "Du in der Tagespflege? Das hätten wir bei dir nie gedacht!", bekommt er dann zu hören. "Aber ich fühle mich hier gebraucht", sagt er. Ein Satz, der viel darüber erzählt, was ihm die Arbeit in der Tagespflege bedeutet. Mit neuen Zielen in die Zukunft Der Einsatz hat Emir nicht nur persönlich weitergebracht, sondern auch seinen Blick auf die eigene Zukunft verändert.
Er hat erkannt, wie wichtig Bildung und ein guter Schulabschluss für seine beruflichen Möglichkeiten sind. Nach dem Bundesfreiwilligendienst möchte er deshalb wieder zur Schule gehen und den Realschulabschluss machen. Anschließend wäre sogar eine Ausbildung im Pflegebereich möglich. "Das kann ich mir gut vorstellen", sagt er. Für Emilia Adamska ist Emir längst ein wichtiger Teil des Teams. Für ihn selbst ist die Tagespflege ein Ort, an dem er Verantwortung übernimmt, Wertschätzung erfährt und erlebt, dass er etwas bewirken kann. Denn manchmal braucht es dafür vor allem eines: einen Menschen, der Potenzial erkennt und eine Chance gibt.