Mit Kunst gegen das Vergessen
Seit Juni arbeitet die gebürtige Polin in als Betreuerin in der Bodenheimer Einrichtung, die der Sozialstation St. Alban angegliedert ist und zum Caritasverband Mainz e.V. gehört. Sie sagt: "Hier kann ich meine beiden Leidenschaften optimal miteinander verbinden: Die Arbeit mit Menschen und die Kunst." Und das sieht man: Neben den bunten Fenstern fallen vor allem die Leinwände mit Muscheln, Sand und Hölzern ins Auge. Alles am Rheinufer gesammelt und gemeinsam mit den Tagesgästen künstlerisch verarbeitet.
Renata Schindel hat in der Tagespflege ihre Kreativität entdeckt.
Insgesamt 45 Gäste begrüßt die Einrichtung an fünf Tagen in der Woche, einige Menschen mit Demenz, andere auf der Suche nach Beschäftigung und Gesellschaft. Die älteste Tagesgästin ist 98 Jahre alt. Sie macht, wie inzwischen fast alle, begeistert bei den Kunstprojekten mit. "Das war anfangs nicht so", erinnert sich Renata Siebyla-Miszkurka. "Das kann ich nicht mehr" oder "ich bin doch gar nicht kreativ" oder "ich sehe doch so schlecht" bekam die Betreuerin von den Gästen zu hören. Sie aber traue jedem zu, ein besonderes Kunstwerk zu kreieren. Mit ein wenig Überzeugungsarbeit und einigen Kunstwerken später sind auch die "Malskeptiker" überzeugt: "Das macht hier richtig Spaß", sagt zum Beispiel Renata Schindel. Die Frau aus Dexheim hat vorher nie gemalt und ist nun selbst überrascht, wie kreativ sie sein kann: "Bei der Kunst kann ich mich richtig ausleben."
Warteliste für Tagespflege ist lang
Die neue Mitarbeiterin sei ein echter Gewinn für die Einrichtung, so Leiterin der Tagespflege "VergissMeinNicht" Emilia Adamska. Mit den Kunstprojekten sei noch mehr Abwechslung in das ohnehin bunte Programm der Tagespflege gezogen. "Hier sagt keiner, dass es langweilig ist." Entsprechend lang ist die Warteliste für die Tagespflege. Schön wäre es, wenn wir unser Angebot bald noch mehr Gästen zur Verfügung stellen könnten, wünscht sich Emilia Adamska.
Bunte Fenster im Eingangsbereich, gestaltet von Gästen der Tagespflege "VergissMeinNicht" und der Betreuerin Renata Siebyla-Miszkurka (Mitte).
Zurück zur Kunst: Renata Siebyla-Miszkurkas Konzept verbindet Kreativität, Natur und auch weggeworfene Alltagsgegenstände miteinander. Und so findet sich im Eingangsbereich, der inzwischen einem Ausstellungsraum gleicht, auch kunterbunte Upcycling-Werke. Dabei geht es der Malerin aber nicht nur um das Ergebnis, sondern vor allem um den Prozess: Die kreative Beschäftigung hilft den Tagesgästen zur inneren Ruhe zu finden und die Konzentration zu fördern. Zudem wird die Feinmotorik gefördert und die Hand-Augen-Koordination sowie die Aktivierung der kognitiven Prozesse unterstützt. So helfe Kunst dem Gedächtnis: "Wir arbeiten mit unserer Kreativität gegen das Vergessen."
Gemeinsames Gestalten schafft Nähe
Fast alle Kunstwerke sind Objekte, die in der Gruppe entstanden. "Das gemeinsame Gestalten schafft Nähe, Austausch und Gemeinschaft", betont Renata Siebyla-Miszkurka. Eine öffentliche Ausstellung wäre schön, so die Künstlerin. Bislang habe es das nur im Rahmen der Weihnachtsfeier für die Angehörigen gegeben. Die Verwandtschaft von Renata Schindel jedenfalls zeigte sich begeistert: "So schöne Bilder malst du hier, sagten meine Enkel." Eine Vernissage im öffentlichen Raum kann sich die Malerin gut vorstellen.
Renata Siebyla-Miszkurka mit einem der gemeinsam gestalteten Kunstwerke aus Sand, Muscheln und Stöcken vom Rheinufer.
Die Ideen gehen der Künstlerin nicht aus: Das nächste Projekt ist bereits geplant. Sandbilder sollen entstehen. Dass dabei nicht alles sauber bleibt, gehört für sie dazu - und ist sogar gewollt. "Kunst darf auch mal eine Schmiererei sein", sagt sie schmunzelnd. Für die Tagesgäste bedeutet das vor allem eines: ausprobieren, fühlen, gestalten - und gemeinsam kreativ sein. So wird die Tagespflege auch künftig ein Ort bleiben, an dem Farben, Fantasie und Gemeinschaft dem Vergessen etwas entgegensetzen.