Warum wir Verständnis brauchen statt Vorurteile
Frau Schön, Sie sind Lehrerin an einem Gymnasium und haben täglich mit Schülerinnen und Schülern mit AD(H)S zu tun. Und es werden mehr, denn die Zahl der AD(H)S-Diagnosen steigt. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Ich denke nicht, dass sich die Kinder grundsätzlich verändert haben. Was sich verändert hat, ist das Bewusstsein für die Diagnose. AD(H)S bekommt heute deutlich mehr Aufmerksamkeit als noch vor einigen Jahren. Dadurch werden Auffälligkeiten schneller erkannt und Betroffene häufiger diagnostiziert. Ich bin mir sicher, dass in jeder Klasse Kinder mit AD(H)S sitzen. Dennoch gibt es immer noch viele Vorurteile. Manche Eltern haben Angst vor einer Stigmatisierung ihres Kindes oder verbinden AD(H)S ausschließlich mit dem Bild des "Zappelphilipp". Deshalb werden Diagnosen teilweise auch heute noch spät oder gar nicht gestellt.
Mit welchen Herausforderungen haben betroffene Schülerinnen und Schüler zu kämpfen, und womit müssen Lehrkräfte zurechtkommen?
Kinder mit AD(H)S werden oft als faul, unorganisiert, verspielt, unzuverlässig oder sogar frech bezeichnet. Das entspricht jedoch häufig nicht der Realität. Vielen fällt es schwer, ihre Aufmerksamkeit, Impulse und ihr Verhalten zu regulieren. Sie nehmen oft sehr viele Reize gleichzeitig wahr und haben Schwierigkeiten, sich auf eine einzelne Aufgabe zu konzentrieren.
Im Unterricht kann das beispielsweise so aussehen: Ein Kind schaut nach einem Arbeitsauftrag weiterhin auf die Tafel und beginnt nicht mit der Aufgabe. Dann hilft es, das Kind direkt anzusprechen oder die Aufgabe in einzelne Schritte aufzuteilen, statt mehrere Unteraufgaben gleichzeitig zu stellen.
Hinzu kommt, dass viele Kinder mit AD(H)S immer wieder erfahren, wo sie angeblich "falsch" sind oder nicht den Erwartungen entsprechen. Dadurch entwickeln sie häufig Schamgefühle und eine besondere Sensibilität gegenüber Ablehnung. Viele versuchen deshalb, ihr Verhalten anzupassen und gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Dieses sogenannte "Masking" kostet jedoch sehr viel Kraft und kann langfristig zu Überforderung führen. Für uns als Lehrkräfte bedeutet das, genau hinzuschauen und individuelle Unterstützung anzubieten.
Inwiefern hilft Ihnen Ihre eigene Betroffenheit dabei, Schülerinnen und Schüler mit AD(H)S besser zu verstehen?
Seit meiner eigenen Diagnose habe ich einen noch besseren Blick für diese Kinder. Ich erkenne viele Verhaltensweisen und kann sie oft einordnen. Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass es nicht "die eine" AD(H)S gibt. Die Ausprägungen sind sehr unterschiedlich.
Meine eigene Erfahrung hilft mir, mehr Verständnis für die Herausforderungen der Schülerinnen und Schüler zu entwickeln. Ich weiß, wie anstrengend es sein kann, sich ständig anpassen zu müssen und wie belastend die Angst vor Ablehnung sein kann.
Was bedeutete die Diagnose für Sie persönlich?
Die Diagnose war für mich eine enorme Erleichterung. Als ich sie bekam, habe ich sehr emotional reagiert. Plötzlich konnte ich viele Dinge aus meiner Schulzeit und meinem Studium besser verstehen. Gleichzeitig war da aber auch Wehmut. Ich habe mich gefragt, wie vieles verlaufen wäre, wenn ich die Diagnose schon früher erhalten hätte. Eine frühere Behandlung hätte mir sicherlich manche Schwierigkeiten erspart. Und: Der Weg zur Diagnose war nicht einfach. Auf meinen Termin an der Uniklinik Mainz musste ich zwei Jahre warten. Hier zeigt sich, dass es noch immer zu wenige Kapazitäten für Diagnostik und Beratung gibt.
Wie gehen Sie im Schulalltag mit Ihrer Diagnose um?
Ich spreche vor meinen Schülerinnen und Schülern offen darüber. Die Reaktionen sind überwiegend positiv. Viele merken, dass dort jemand vorne steht, der sie versteht. Gleichzeitig vermittelt das die Botschaft, dass Fehler zu machen menschlich ist.
Mir ist es wichtig, die Scham aus dem Thema herauszunehmen. Scham kann gerade junge Menschen stark belasten. Niemand sollte das Gefühl haben, wegen seiner AD(H)S weniger liebenswert oder weniger wert zu sein.
Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit mit Eltern?
Ich suche grundsätzlich das Gespräch mit den Eltern. Dabei versuche ich, nicht nur Probleme anzusprechen, sondern gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Wenn beispielsweise Hausaufgaben vergessen werden, formuliere ich nicht einfach einen Vorwurf. Stattdessen frage ich: "Wie können wir gemeinsam unterstützen, damit das künftig besser gelingt?"
Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf im Bildungssystem?
Lehrkräfte brauchen mehr Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen. Wenn wir allen Kindern gerecht werden wollen, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören beispielsweise kleinere Lerngruppen, damit Lehrkräfte individueller auf die Bedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler eingehen können.
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Die Verhaltensstörung kann Kinder, Jugendliche und Erwachsene betreffen und äußert sich vor allem in drei Kernbereichen: Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten, Impulsivität sowie körperliche Unruhe beziehungsweise Hyperaktivität. Die Ausprägungen können dabei sehr unterschiedlich sein.
Zur Person
Lina-Maria Schön ist seit 2015 als Lehrerin tätig und unterrichtet seit 2025 am Stefan-George-Gymnasium in Bingen. Ihre Fächer sind Englisch und Erdkunde, die sie von der fünften Klasse bis zur Oberstufe unterrichtet. Vor etwa eineinhalb Jahren erhielt sie selbst eine AD(H)S-Diagnose. Mit ihrer eigenen Betroffenheit geht sie offen um und setzt sich dafür ein, Vorurteile abzubauen und über AD(H)S aufzuklären.
Das Caritaszentrum St. Elisabeth lädt am 10.9.2026 zum ADHS-Fachtag ein.
Ort: Caritaszentrum St. Elisabeth
Schultheiß-Kollei-Str. 25
55411 Bingen-Büdesheim
Der ADHS- Fachtag richtet sich an pädagogische und sozialpädagogische Fachkräfte, die in unterschiedlichen Einrichtungen (Kita, Schule und als Erziehungshilfe in der Familie) arbeiten und dort (in ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen) mit dem Thema ADHS konfrontiert sind.
Anmeldung
Bei Fragen zur Anmeldung kontaktieren Sie bitte:
Martina Krayer
E-Mail: adhs-fachtag@caritas-mainz.de
Telefon: 06721 9177-32